"Polyphone Klangfülle ohne Grenzen" (Schreibwolff über das Konzert bei Rheinvokal am 10.07.09)

Das Ensemble Cinquecento ... stimmen diese Totenklage in der gotischen Doppelkirche an und man spürt den Kummer unmittelbar. Und das liegt nicht nur an dieser Komposition, einem meisterhaften Zusammenklang aus Deklamation und bewegenden Akkorden: Es ist das bemerkenswerte Spannungsfeld, das die sechs Stimmen in vollkommener Harmonie aufbauen. Jeder der Sänger verfügt über einen Stimmumfang, der ihn mühelos auch außerhalb seiner eigentlichen Höhe oder Tiefe agieren lässt. Jede Vokalise klingt unglaublich zart, perfekt gemischt.

In der Polyphonie vermag man der Einzelstimme nicht zu folgen, ohne sich im anrührenden Klangreichtum dieses akustischen Labyrinths zu verlieren. Es funkelt wie in einem Kaleidoskop, durch das man in den von Licht durchfluteten Himmel blickt: Keine Stimme hört man heraus, jeder Sänger findet sich passgenau im homogenen Gesamtklang wieder. Und das gilt nicht nur für die mehrstimmigen Kompositionen, sondern vor allem auch für die Gregorianik im De Profundis von Desprez und den entsprechenden Sätzen im Requiem von Jean Richafort ...

... Sie beherrschen jene große Kunst, den Gesang, der doch selbst eine hohe Kunstfertigkeit verlangt, so klingen zu lassen, als wäre es „nichts Besonderes“. L’art pour l’art? Eher die völlige Hingabe an die Musik, die dem Gesungenen auf beeindruckende Weise eine Gewissheit unterstellt: Die Totenklage wirkt ebenso intensiv wie Desprez‘ Miserere und natürlich das Requiem ... Das Ensemble Cinquecento ... klingt doch unglaublich kraftvoll, ohne auch nur einen Augenblick akustisch die Muskeln spielen zu lassen ...

... Und dann schließt das Konzert mit dem „Nymphe des bois“ von Desprez: „Requiescat in pace – Möge er in Frieden ruhen.“ Wie auch schon in den innig erlebten Augenblicken zuvor setzen die Sänger des Ensembles Cinquecento den Titel des Konzerts mit atemberaubener Wirkung um: Lux aeterna – das ewige Licht. Hier wird Unendlichkeit fassbar.

11.07.09, Schreibwolff

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